Kunstsammlungen am Theaterplatz
25. Jul 2020 – 25. Okt 2020

»Im Morgenlicht der Republik«

Karl Schmidt-Rottluff (1884–1976), Mädchen, 1920, Öl auf Leinwand, 91 x 76,3 cm, Kunstsammlungen Chemnitz, Foto: bpk/Kunstsammlungen Chemnitz/May Voigt © VG Bild-Kunst, Bonn 2020

»Im Morgenlicht der Republik«
100 Jahre Kunstsammlungen Chemnitz

»Im Morgenlichte der jungen deutschen Republik«, wie sich der Gründungsdirektor Friedrich Schreiber-Weigand rückblickend erinnert, beschloss 1920 der Chemnitzer Stadtrat vor 100 Jahren die Gründung einer städtischen Kunstsammlung. Beseelt von der Idee des Museums als Ort der Demokratie, Bildung und Teilhabe, wurde die Verwaltung, Vermittlung und Präsentation des städtischen Kunstbesitzes als wichtige kommunale Aufgabe in der ersten deutschen Republik anerkannt. Neben der Errichtung des König-Albert-Museum 1909 am Theaterplatz wurde durch die Institutionalisierung der Sammlung 1920 das zuvor allein private Engagement der Chemnitzer Bürgerinnen und Bürger durch die Stadträte gewürdigt.

2020 jährt sich auch zum 160. Mal der Jahrestag der Gründung der Kunsthütte zu Chemnitz, dem bürgerlichen Kunstverein, auf dessen Sammlungsinitiative hin das Museum gegründet wurde. Aus Anlass dieses doppelten Jubiläums zeigen die Kunstsammlungen Chemnitz in der Ausstellung »Im Morgenlicht der Republik« eine repräsentative Auswahl von Kunstwerken aller Gattungen und Bereiche aus den umfangreichen städtischen Beständen. Die Präsentation erzählt die großen und kleinen Geschichten des Sammelns, des bürgerlichen Engagements, der Industrie, der Kunst und des Kunstgewerbes, aber auch der Identität einer von Brüchen gekennzeichneten Stadt, im Geflecht der europäischen Entwicklungen.

Die Ausstellung ist chronologisch in fünf Kapitel vom 19. und frühen 20. Jahrhundert über die Nachkriegszeit und DDR bis in die Gegenwart gegliedert. Neben den Einblicken in die wertvollen Sammlungsbestände ist besonders die virtuelle Rekonstruktion der historischen Galerie der Moderne hervorzuheben, die 1926 durch Schreiber-Weigand zusammen mit Karl Schmidt-Rottluff als Display für zeitgenössische Kunst entwickelt wurde. Neben der aufgeschlossenen Ankaufspolitik genoss auch deswegen das Museum in den 1920er Jahren den Ruf eines der wichtigen deutschen Museen für Gegenwartskunst und besonders des Expressionismus.

Die Kunstsammlungen Chemnitz blicken auf eine sehr abwechslungsreiche Geschichte seit ihrer Gründung als kommunales Museum vor 100 Jahren zurück, in der viele erfolgreiche Perioden neben weniger rühmlichen Momenten stehen. Wechselspannungen, die die Stadt Chemnitz auf ambivalente Art prägen, charakterisieren auch die Geschichte der Kunstsammlungen. Allen Brüchen zum Trotz boten und bieten die Kunstsammlungen eine ästhetische, künstlerische und historische Kontinuität, die ein wichtiges Element der Identität und auch des Bürgerstolzes von Stadt und Region waren und bis heute sind.

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Clara von Sievers, Blumenstilleben, 1886

Romantik
Die Kunst der Romantik gehört zu den Sammlungsschwerpunkten der Kunstsammlungen Chemnitz. Erste Erwerbungen erfolgten bereits in den Jahren nach der Gründung der Kunsthütte 1860 und wurden kontinuierlich fortgeführt. Die anfängliche Ausrichtung der Chemnitzer Sammlung nach Dresden, einem Zentrum der Romantik, spielte auch später eine Rolle. Der Ankauf von Werken der Romantik und des Biedermeiers wurde durch Verkauf und Tausch moderner Kunst, insbesondere der Werke expressionistischer Künstler, ermöglicht, vornehmlich in der Zeit des Nationalsozialismus zwischen 1933 und 1945. Eine umfangreiche Erweiterung erhielt der Bestand 1966 und 1977 durch die Schenkungen des Juristen Dr. Helmut Brückner.
Mit Gemälden und Grafiken sind unter anderem Caspar David Friedrich, Carl Gustav Carus, Johan Christian Dahl und Heinrich Dreber vertreten. Neben sächsischen Landschaften bilden Aquarelle und Zeichnungen von beliebten italienischen Reisezielen der Künstler einen Schwerpunkt. Carl Wilhelm Götzloff, Adolf Gottlob Zimmermann und Carl Friedrich von Rumohr zeigen Eindrücke ihrer Reisen nach Rom, San Gimignano und Sorrent. Italien war das beliebteste Reiseland des 19. Jahrhunderts. Mit seinen Naturschönheiten und den Bauwerken aus verschiedenen Epochen war das Land Quelle der Inspiration. Stillleben, Porträts sowie das Familien- und Kinderbildnis, das in dieser Epoche erstmals eine hohe Wertschätzung erfuhr, ergänzen die Einblicke in die wertvollen Bestände.

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Max Slevogt, Dame in Braun (Else Bernau), 1908


Max Slevogt, Dame in Braun (Else Bernau), 1908

Arbeit=Wohlstand=Schönheit
Die Industriestadt Chemnitz war als »sächsisches Manchester« bekannt. Stadtansichten der beiden Mitglieder der Chemnitzer Künstlergruppe, Martha Schrag und Alfred Kunze, zeigen eindrucksvoll den schnell wachsenden Industriestandort, aber auch die damit verbundenen sozialen Probleme. Elegante Seidenstoffe aus der Blütezeit der französischen Textilindustrie, Spitzen, Bänder, Schleifen und Werbeplakate spiegeln den Luxus und Wohlstand der Epoche der sogenannten Gründerzeit wider und sind zugleich Zeichen für die internationale Vernetzung der lokalen Industrie.
Im Neuen Rathaus zu Chemnitz befindet sich das einzige erhaltene Wandbild von Max Klinger, gestiftet von dem Chemnitzer Industriellen Hermann Vogel. Die Kunstsammlungen Chemnitz besitzen Studien und Entwürfe in Originalgröße auf Karton. Der Titel des Bildes Arbeit=Wohlstand=Schönheit steht für eine Grundhaltung in der Industriestadt Chemnitz, dass jeder Wohlstand hart erarbeitet werden muss und man sich erst dann auch der Schönheit zuwenden kann. Zugleich steht er als Überschrift dieses Raumes, dessen Themen den Dialog von lokalen und internationalen Vertreter:innen der Kunst des Impressionismus und des Symbolismus bestimmen.
Honoré Daumier thematisiert die Stellung von Mann und Frau in der Gesellschaft. Seine Karikaturen aus der umfangreichen Schenkung des Chemnitzer Unternehmers Erich Goeritz widmen sich den bis heute aktuellen Fragen der Gleichberechtigung.

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Carlfriedrich Claus, Erster versuchender doppelseitiger Schreibakt, 1961

Carlfriedrich Claus-Archiv
Wie kaum ein zweiter Künstler aus der DDR agierte Carlfriedrich Claus in einem internationalen Netzwerk der zeitgenössischen Kunst und des intellektuellen Austauschs. Mit Autoren, Künstlern und Philosophen vieler Länder stand er in Briefkontakt und war in die ästhetischen Debatten seiner Zeit involviert. Um 1960 gehörte er zu den Mitbegründern der internationalen visuellen Poesie. Das Carlfriedrich Claus-Archiv bewahrt den Gesamtnachlass dieses Ausnahmekünstlers und ermöglicht anhand seiner Tagebücher und Manuskripte sowie der rund 22.000 überlieferten Briefe einen unmittelbaren Einblick in die Kunstprozesse der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Die Sprachblätter und Lautprozesse von Carlfriedrich Claus und die zahlreichen Werke befreundeter Künstler wie Raoul Hausmann, Bernard Schultze, Fritz Winter, Willi Baumeister, Gerhard Altenbourg, Michael Morgner und vieler anderer sowie seltene Künstlerbücher, Multiples, Widmungsexemplare oder Manifeste veranschaulichen die Erneuerungsbestrebungen jener Zeit. Das Konzept, die Grenzen der Medien aufzubrechen, wird inzwischen weltweit verfolgt und hat bis heute an Aktualität nichts eingebüßt.

 

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Künstlergruppe Brücke
Die Kunst des Expressionismus nimmt in den Kunstsammlungen einen herausragenden Stellenwert ein. Die Brücke war neben den in München aktiven Künstler:innen des Blauen Reiters die wichtigste Künstlergruppe des Expressionismus. Sie wurde 1905 durch die Architekturstudenten Fritz Bleyl, Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner und Karl Schmidt-Rottluff in Dresden gegründet. »Unmittelbar und unverfälscht« wollten die jungen Künstler ausdrücken, was sie »zum Schaffen drängt«, wie es in ihrem Programm von 1906 heißt.
Fand die Brücke in Dresden ihre Geburtsstätte, ist Chemnitz wohl als ihre Keimzelle zu bezeichnen. Bis auf Fritz Bleyl wuchsen alle Gründungsmitglieder in Chemnitz auf, Schmidt-Rottluff wurde hier geboren. Die Mitglieder der Gruppe strebten nach neuen künstlerischen Wegen und fanden im Namen ein Sinnbild für die Verbindung von einem Ufer zum anderen. Der Ausdruck eines Bildes sollte das Innere des Künstlers zeigen. Leuchtende und kräftige Farben dienten als wichtiges Medium, um Gefühle im Bild auszudrücken. Inspiration fanden viele Künstler in der unberührten Natur ebenso wie bei außereuropäischer Kunst und Kultur etwa aus Afrika und dem Südpazifik. Auf dem Gebiet der Grafik wurde das Material Holz zum künstlerischen Experimentierfeld: Der Holzschnitt war neben der Malerei das bevorzugte Ausdrucksmittel. Zunehmend entfernten sich die Mitglieder künstlerisch voneinander und die einzelnen Interessen überwogen. Im Mai 1913 löste sich die Künstlergruppe in Berlin auf.

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Expressionismus und Neue Sachlichkeit
Friedrich Schreiber-Weigand, erster Direktor der 1920 »im Morgenlicht« der Weimarer Republik gegründeten kommunalen Kunstsammlung, förderte mit Ausstellungen und Ankäufen besonders die Kunst seiner Gegenwart, vornehmlich des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit. Bis zu seiner Entlassung nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten 1933 gehörte das Chemnitzer Museum zu den wichtigsten Museen für Gegenwartskunst in Deutschland. Einen nachdrücklich engen Kontakt pflegte Schreiber-Weigand zu Karl Schmidt-Rottluff. Das Werk des in Chemnitz geborenen Künstlers steht im Mittelpunkt des Ausstellungsbereiches, der verschiedene Beispiele der Malerei, Grafik und des Kunsthandwerkes vorstellt.
1925 war Chemnitz nach Mannheim und Dresden die dritte Station der Ausstellung Die Neue Sachlichkeit, die der Kunstrichtung ihren Namen verlieh. Gemälde und Fotografien von Künstlern dieser Epoche ergänzen die expressionistischen Werke.
1937 wurden im Rahmen der Aktion »Entartete Kunst« über 700 Kunstwerke aus den Sammlungen beschlagnahmt, nachdem bereits zuvor »unliebsame« Kunstwerke veräußert wurden. Damit gehört das Museum zu den Einrichtungen in Deutschland, die erhebliche Verluste im Bereich der Klassischen Moderne zu verzeichnen hatten.

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Prägende Zeitgenossen: Barlach, Kollwitz, Munch, Feininger
Die Vertreter:innen der sogenannten Klassischen Moderne sind umfangreich in der Grafischen Sammlung vertreten. Ernst Barlachs Hauptthema war die existentielle Einsamkeit des Einzelnen. Mehr noch als Käthe Kollwitz hatte er den Ersten Weltkrieg zunächst begrüßt, um ihn später als menschliche Tragödie zu beklagen. Käthe Kollwitz verlor ihren Sohn an der Front. Das traumatische Ereignis machte sie zur konsequenten Pazifistin. Die Mutterschaft ist eines der zentralen Themen in ihrem Werk. Ihre Motive bewegen sich zwischen glücklichem Erleben und dem verzweifelten Schmerz des Verlustes. Persönliche Erfahrungen mit Krankheit, Schmerz sowie dem Tod geliebter Menschen hatten auch intensive Einflüsse auf die Kunst von Edvard Munch, der in der Grafik Das kranke Kind den Tod seiner Schwester verarbeitete. Als Kind musste er zudem auch den frühen Tod der Mutter bewältigen.
In jüngster Vergangenheit konnte ein besonderer grafischer Schatz erworben werden: 298 Druckgrafiken, Aquarelle und Zeichnungen von Lyonel Feininger wurden im Jahr 2008 aus Nürnberger Privatbesitz angekauft. Feininger gehört auf dem Gebiet der Grafik zu den bedeutendsten Holzschneidern des 20. Jahrhunderts.

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Zäsur 1945
In der unmittelbaren Nachkriegszeit war eine kontinuierliche Sammlungstätigkeit nur in geringem Ausmaß möglich. Das Museumsgebäude wurde im März 1945 während eines Bombenangriffes auf Chemnitz schwer beschädigt. Aus diesem Grund fanden erste Präsentationen mit Werken von Käthe Kollwitz und Karl Schmidt-Rottluff im Schloßbergmuseum statt. In ihren Werken widmeten sich in den ersten Nachkriegsjahren viele Künstler:innen der Spiegelung der unmittelbaren Gegenwart und Ansichten der zerstörten Städte. So zeigt Wilhelm Rudolphs Werk die Ruinen Dresdens. Seine Auseinandersetzung mit dem Thema gilt hinsichtlich ihres Umfangs und ihrer Intensität als einzigartig. Gemälde von Erich Gerlach, Hans Jüchser, Bernhard Kretzschmar und Heinz Tetzner komplettieren den Ausstellungsbereich, in dem auch Arbeiten der entbehrungsreichen und materialarmen Nachkriegszeit aus der Textil- und Kunstgewerbesammlung einbezogen werden. Hierzu gehören die Holztiere von Artur Winde aus dem Jahr 1947 und die aus einfachsten Materialien gefertigten Puppen von Doris Wendt-Scheinert, wie die Gruppen Flüchtlinge und Trauernde Eltern von 1946.

 

Kunst in der DDR
Die bis zum Mauerfall gesammelte Kunst der DDR ist facettenreich. Nur in geringem Maße spiegelt sich die Förderung eines starren Realismus durch die offizielle Kulturpolitik der DDR in den Erwerbungen der Kunstsammlungen Chemnitz wider. Dennoch wurde in dieser Zeit überwiegend gegenständliche Kunst etwa von Will Schestak, Carl-Heinz Westenburger und Lothar Zitzmann erworben. Die Ankaufspolitik war von Erwerbungen der Kunst regionaler Künstler:innen geprägt. Erst viele Jahre nach ihrer Entstehungszeit wurde ungegenständliche Kunst, z. B. von Edmund Kesting, Otto Müller-Eibenstock oder Willy Wolff angekauft. Neben den Kunstzentren Berlin, Dresden und Leipzig entstand in Karl-Marx-Stadt auch ohne Kunsthochschule eine eigenständige und unverwechselbare Kunstlandschaft. Künstlerporträts der Fotografin Christine Stephan-Brosch ergänzen die Malerei und Grafik der überwiegend im Bezirk ansässigen Künstler. Kunst der Mitglieder der Chemnitzer Künstlergruppe Clara Mosch und Werke von Rüdiger Philipp Bruhn, Carsten Nicolai, Klaus Hähner-Springmühl sowie die Grafikmappe Das waren Landschaften aus der Reihe ADREI vermitteln das Bild der unakademischen, lebendigen Karl-Marx-Städter Kunstszene in den 80er Jahren.

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Dialoge
Gemälde und Skulpturen von Künstler:innen aus verschiedenen Kunstakademien und unterschiedlicher stilistischer Prägung ermöglichen Dialoge zwischen Gegenwart und zurückliegenden Jahrzehnten. Vor fast 50 Jahren malte Núria Quevedo 30 Jahre Exil, bezogen auf die vor dem spanischen Faschismus geflohene Community von spanischen Künstler:innen und Intellektuellen. Dieses Werk korrespondiert im Raum formal mit den vielfältigen realistischen Ausdrucksweisen von Stephan Balkenhol, Georg Baselitz, Jörg Immendorff und Markus Lüpertz. Daneben behaupten sich kraftvolle malerische Positionen von Hans-Hendrik Grimmling, Michael Morgner und Georg Pfahler.
Vorgestellt werden auch die neuesten Erwerbungen und Schenkungen: eine Installation von Henrike Naumann, die sich mit der Rolle des Künstlers im Sozialismus am Beispiel ihres Großvaters Karl-Heinz Jakob und der Wahrnehmung der DDR nach der Wiedervereinigung auseinandersetzt, textile Lichtobjekte des Konzeptkünstlers Daniel Buren, Grafiken des Künstlerduos M+M und das fest integrierte Glasfenster von David Schnell. Der Ausstellungsbereich zeigt weiterhin Kunst aus der Schenkung von Céline, Heiner und Aeneas Bastian, die das Spektrum der Moderne und Gegenwartskunst im Haus wesentlich erweitert.

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Sammlung Textil und Kunstgewerbe
Hervorgegangen aus der 1898 gegründeten Vorbildersammlung umfasst die Textil- und Kunstgewerbesammlung einzigartige Textilien des 19. und 20. Jahrhunderts. Die Schwerpunkte bilden dabei Arts and Crafts, Jugendstil, Art déco, Wiener Werkstätte und Bauhaus. Zudem gehören zum Sammlungsbestand Teppiche, Stickereien, Spitzen, außereuropäische Textilien, Tapeten, japanische Färbeschablonen, Künstlerplakate, Naturstudien und eine Vielzahl kunstgewerblicher Arbeiten. Ziel war es, den hiesigen im Industrieverein organisierten Industriellen und den Kunstschaffenden vorbildliches Design vorzustellen und kreative Anregungen zu geben. Hierzu wurden mit Hilfe des Chemnitzer Industrievereins Dekorations- und Möbelstoffe aus den Textilzentren Großbritanniens, Frankreichs, Österreichs, Deutschlands und Italiens zusammengetragen und Arbeiten namhafter Gestalter erworben, wie etwa von William Morris, Charles Francis Annesley Voysey, John Henry Dearle, Georges Lemmen, Otto Eckmann, Josef Hoffmann, Koloman Moser, Carl Otto Czeschka, Erich Kleinhempel, Mariano Fortuny oder Benita Koch-Otte. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Textil- und Kunstgewerbesammlung, die 1984 in die Städtische Kunstsammlung integriert wurde, kontinuierlich erweitert, so dass sie heute 27.000 Exponate vereint.

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Galerie der Moderne
Eine programmatische museale Sammeltätigkeit begann in Chemnitz mit der Gründung der Städtischen Kunstsammlung im Jahr 1920. Als kommunales Institut hatte sie gemeinsam mit der Kunsthütte ihren Sitz im Museum. Gründungsdirektor des Museums wurde Friedrich Schreiber-Weigand, der seit 1911 den Kunstverein leitete und diese Aufgabe in Personalunion dann fortführte. Sein formuliertes Programm war es, der »Sammlung eine Formung zu geben, die es ihr ermöglicht, unter den jungen, aufstrebenden Museen bestehen zu können, die als Schöpfungen eines neuzeitlichen Städtegeistes entstanden sind«. Nach nur fünf Jahren gelang es ihm, über 185 Gemälde und 26 Plastiken zeitgenössischer Künstler zusammenzutragen. Zudem gründete er 1923 ein Grafisches Kabinett. Trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage, trotz Inflation und einiger ideologischer Widerstände entstand im Zusammenspiel mit dem Maler Karl Schmidt-Rottluff in diesem 2. Obergeschoss die Galerie der Moderne als zeitgenössisches Display moderner Kunst. Da die damaligen Räume über die Jahrzehnte baulich verändert wurden, repräsentiert in der nun entwickelten Rekonstruktion (Gestaltung: Enzo Zak Lux) je eine Farbwand einen der damaligen neun Ausstellungsräume.

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Friedrich Schreiber-Weigand und Karl Schmidt-Rottluff

Als Karl Schmidt nach seinem Abitur 1905 den Geburtsort Rottluff bei Chemnitz verließ, um in Dresden Architektur zu studieren, war nicht vorauszusehen, dass sein künstlerisches Werk zwanzig Jahre später im Museum Grundstock einer modernen Sammlung sein würde. Bereits 1909 waren Werke von Karl Schmidt-Rottluff in der Eröffnungsausstellung des Museums neben Werken von 200 Künstler:innen zu sehen. In den 1920er Jahren wird er noch vor Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Otto Mueller, Max Pechstein und Emil Nolde der mit Abstand am stärksten vertretene Expressionist sein. Neun Gemälde und zahlreiche Grafiken waren durch Stiftungen und Erwerbungen in die Sammlung gelangt. Karl Schmidt-Rottluff stand mit dem Museumdirektor Friedrich Schreiber-Weigand in freundschaftlichem Briefwechsel, beriet ihn bei Ankäufen und machte ihn mitunter auf andere Künstler aufmerksam.Regelmäßig besuchte der seit 1911 in Berlin lebende Künstler seine Familie und auch das Museum in Chemnitz. So wundert es nicht, dass ihn Schreiber-Weigand mit der künstlerischen Farbgestaltung seiner neuen Galeriekonzeption betraute.

Das Farbkonzept der Galerie der Moderne
Nicht mehr als wandfüllende Inszenierung, sondern als eine einreihige Präsentation der Kunstwerke nebeneinander in neutraler Architektur sollte die Sammlung präsentiert werden. Anliegen war es, den Autonomieanspruch der Kunst zu unterstreichen. Dabei entstand die Idee, den Farbton der Wände der einzelnen Räume auf die jeweiligen Kunstwerke anzupassen. Hierfür entwickelte Karl Schmidt-Rottluff ein Konzept. Die Malerarbeiten, je Raum eine Farbe, müssen im Februar 1926 erfolgt sein. Da aus dieser Zeit keine präzisen Dokumente oder Farbproben erhalten sind, folgt die Farbrekonstruktion Presserezensionen, Zeitzeugenberichten und Schwarz-Weiß-Fotografien; sie orientiert sich zudem an der Farbpalette der Gemälde Karl Schmidt-Rottluffs. Bereits damals hingen Oskar Kokoschka auf Kobaldtgrün, Edvard Munch und Wilhelm Lehmbruck vor lichtem Gelb, Ferdinand Hodler und Ernst Ludwig Kirchner auf Blau, Karl Hofer auf Braun.
Da viele Werke aus der damaligen Zeit verloren gegangen sind oder beschlagnahmt wurden, versucht diese Rekonstruktion sich mit erhaltenen Einzelwerken und repräsentativen Stellvertretern in einer verdichteten Anmutung der historischen Situation anzunähern und diese zugleich neu zu interpretieren.

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Beschlagnahmungen und Verluste »Entartete Kunst«
Viele der zwischen 1926 und 1929 gezeigten Arbeiten befinden sich heute nicht mehr in den Kunstsammlungen Chemnitz. Sie fielen zwischen 1934 und 1944 Verfemungen und Beschlagnahmungen als ›entartete Kunst‹ zum Opfer, wurden verkauft oder getauscht. Zahlreiche Werke befinden sich heute in anderen Museen und in Privatsammlungen. Einige sind verschollen. Nur ganz wenige Werke, wie Wilhelm Lehmbrucks Skulptur Kopf eines Denker oder Karl Schmidt-Rottluffs Gemälde Landschaft im Herbst konnten wieder erworben werden. Wenige der Werke, wie Oskar Kokoschkas Selbstportrait mit gekreuzten Armen, kamen als Leihgaben ins Haus zurück. Die Fotomontage zeigt alle Gemälde und Skulpturen in historischen Aufnahmen, die seinerzeit im Bestand der Kunstsammlungen Chemnitz waren. Nicht berücksichtigt werden konnten an dieser Stelle die ebenso umfangreichen Verluste im Bereich der Grafik.

Wegbeschreibung

Galerie

Karl Schmidt-Rottluff (1884–1976), Mädchen, 1920, Öl auf Leinwand, 91 x 76,3 cm, Kunstsammlungen Chemnitz, Foto: bpk/Kunstsammlungen Chemnitz/May Voigt © VG Bild-Kunst, Bonn 2020
Karl Schmidt-Rottluff (1884–1976)
Mädchen, 1920
Julius Scholtz (1825–1893), Bildnis Helene Theresie Gräfin von Einsiedel-Wolkenburg, geb. Keysselitz (1852–1907), 1874, Öl auf Leinwand, 140 x 90 cm, Kunstsammlungen Chemnitz, Foto: Kunstsammlungen Chemnitz/PUNCTUM/Bertram Kober
Julius Scholtz (1825–1893)
Bildnis Helene Theresie Gräfin von Einsiedel-Wolkenburg, geb. Keysselitz (1852–1907), 1874
Familie Friedrich Kircheisen, Chemnitz, Damenstrümpfe, um 1908, Kunstsammlungen Chemnitz, Foto: bpk/Kunstsammlungen Chemnitz/May Voigt
Familie Friedrich Kircheisen, Chemnitz
Damenstrümpfe, um 1908
Wilhelm Lehmbruck (1881–1919), Kopf eines Denkers, 1918, Steinguss, 63 x 59 x 34 cm, Kunstsammlungen Chemnitz, erworben mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder, des Freistaates Sachsen, der Ernst von Siemens-Stiftung München, der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im Freistaat Sachsen gemeinsam mit der Sparkasse Chemnitz, Foto: Kunstsammlungen Chemnitz/PUNCTUM/Bertram Kober
Wilhelm Lehmbruck (1881–1919)
Kopf eines Denkers, 1918
August Rodin (1840–1917), Aufgerichtete Hand , nach 1900/Guss 1913, Bronze, 46,5 x 30,5 x 19,5 cm, Kunstsammlungen Chemnitz, Foto: bpk/Kunstsammlungen Chemnitz/PUCTUM/Bertram Kober
August Rodin (1840–1917)
Aufgerichtete Hand , nach 1900/Guss 1913
Käthe Kollwitz (1867–1945), Frau mit totem Kind, 1903, Kohle und Bleistift, 48 x 62,2 cm, Kunstsammlungen Chemnitz, Foto: bpk/Kunstsammlungen Chemnitz/May Voigt
Käthe Kollwitz (1867–1945)
Frau mit totem Kind, 1903
Otto Eckmann (1865–1902), Fünf Schwäne (Pfeilerbehang), 1897, Wirkarbeit, Leinen, Wolle, 238 x 78 cm, Kunstsammlungen Chemnitz, Foto: Kunstsammlungen Chemnitz/PUNCTUM/Bertram Kober
Otto Eckmann (1865–1902)
Fünf Schwäne (Pfeilerbehang), 1897
Caspar David Friedrich (1774–1840), Segelschiff, um 1815, Öl auf Leinwand auf Sperrholz, 72,3 x 51 cm, Kunstsammlungen Chemnitz, Foto: bpk/Kunstsammlungen Chemnitz/László Tóth
Caspar David Friedrich (1774–1840)
Segelschiff, um 1815

Termine »Im Morgenlicht der Republik«

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