27 octobre 2021, 18:30 | Cristina Lucas | Kunstsammlungen am Theaterplatz

Visite guidée du conservateur : für Chemiker:innen und Physiker:innen (und Personen, die sich dafür interessieren)

Cristina Lucas, The People That Is Missing / Der Mensch, der fehlt , 2019, Videostill, Videoinstallation, Video HD, 16:9, Farbe, Ton, 8:40 Min © Cristina Lucas

Cristina Lucas
Maschine im Stillstand

Mit der Pandemie ist die Welt auf unvorhersehbare Weise für eine Weile zum Stillstand gekommen. Insbesondere in Fragen globaler Mobilität, die die Basis der Arbeitswelt, der Zirkulation des Warenverkehrs, Technologisierung und damit verknüpften Kapitalverlagerungen ist, hat der Covid-19-Virus wie ein Brennglas gewirkt. Kaum ein Pressebild des vergangenen Jahres hat sich daher derart eingeprägt wie die atemberaubende Panne des Containerschiffs Ever Given. Der 224.000 Tonnen schwere und 59 Meter breite Frachter gehört zu den größten Containerschiffen
der Welt. Es war, der ägyptischen Hafenbehörde zufolge, wegen eines Sandsturms bei starkem Wind manövrierunfähig geworden, vom Kurs abgekommen und in der Nähe der Hafenstadt Suez auf Grund gelaufen. Dort verstopfte das Schiff für Tage die wichtige Wasserstraße zwischen Asien und Europa; eine Art Thrombose des Welthandels. Schlepperboote versuchten vergeblich, den riesigen Frachter zu befreien. Kleine, wie Spielzeug wirkende, Bagger taten von Land aus ihren Beitrag. Was bleibt, sind Bilder voller Absurdität.
So kann es halt nicht weitergehen. Maschine im Stillstand heißt die die erste museale Einzelausstellung der spanischen Künstlerin Cristina Lucas.

Seit vielen Jahren widmet sie sich in langen Untersuchungsreihen den Folgen unseres selbstzerstörerischen Umgangs mit unserer Umwelt und unserer Geschichte. Ihr Werk zielt darauf zu befragen, ob sich heutige Wirtschaftsideologien und Technologien nicht mit einer neuen bzw. wiederzugewinnenden Ethik verknüpfen lassen. Welche Gemeinschaften müssen entstehen, um uns für die Aufgaben der Zukunft zu wappnen? Das Werk von Cristina Lucas ist äußerst vielfältig. Die Künstlerin arbeitet in vielen Medien, darunter Performance, Fotografie, Skulptur und auch Malerei. Mit ihrer Arbeit erinnert die Künstlerin daran, dass Kunst ein Weg der ästhetischen Verführung ist, der dazu beiträgt, uns bewusst zu machen, was in unserer Gesellschaft passiert. Interessiert an den Mechanismen von Macht, analysiert sie wichtige politische und wirtschaftliche Strukturen und seziert sie, um die bestehenden Widersprüche zwischen der offiziellen Geschichte, der Realität und der kollektiven Erinnerung aufzudecken. So entwickelt sie immer neue Darstellungsweisen von Weltkarten und Kartografien, die Macht-, Sprach-, Geschlechter- und Energieverhältnisse, oft sehr humorvoll, ins Bild rücken.

Die Einzelausstellung in den Kunstsammlungen Chemnitz konzentriert sich auf einige Hauptwerke und jüngere Arbeiten der Künstlerin. Unending Lightning (Unendliche Blitze) heißt ihre dreiteilige Videoinstallation, die die Geschichte der Bombenangriffe auf Zivilbevölkerungen seit Erfindung der Luftfahrt untersucht. Die visuelle Datenbank wird ständig durch vorangegangenen und neue Recherchen und leider auch neue Bombenangriffe erweitert, so auch für die Chemnitzer Ausstellung.
Kunst dient Lucas immer auch einer Wissensproduktion, die von elementarer Neugier und Befragung getragen ist. In ihrem Film Touch and Go setzt sie den Untergang einer Industrieregion bei Liverpool überraschend ins Bild. Ihr jüngster Film entstand im nördlichsten Teil von Norwegen, dem Archipel von Svalbard (ehemals Spitzbergen) und verknüpft Landschaftsaufnahmen mit Texten zahlreicher Naturforscher und Poeten. Chemie und Physik stehen Pate in einer neuen Werkserie von Gemälden, in denen sie nach Elementen des Periodensystems Farbpigmente erstellt.
The Unmoved Mover Der Titel der Ausstellung bezieht sich auf einen Gedanken des griechischen Philosophen Aristoteles, der über die Motivation und Antriebskraft jeglicher Bewegung im Universum, einen »Urgrund« nachdenkt. Er nannte ihn The Unmoved Mover. (altgriechisch: ö ou x LvouμEvov x LvEi). Wie im Namen impliziert,
bewegt der unbewegte Beweger andere Dinge, wird aber selbst nicht durch eine vorherige Aktion bewegt.

Cristina Lucas – Kurzbiographie
Geboren 1973 in Jaén, lebt und arbeitet sie in Madrid. Sie studierte Bildende Kunst bis 1998 an der Universidad Complutense, Madrid (ES), von 1999 – 2000 an der University of California, Irvine (US) und von 2006 – 2007 an der Rijksakademie van Beeldende Kunsten, Amsterdam (NL).
Ihre Arbeiten werden seit 2004 international ausgestellt, darunter Einzelau stellungen wie im Centro de Arte Dos Mayo de Móstoles (bei Madrid), dem Museo de Arte Carrillo Gil in Mexiko, dem OK Centrum Linz, dem MUDAM Luxemburg, Kunsthall 3.14 Bergen; sowie in Gruppenausstellungen auf der Manifesta 12, Palermo; der 12. Shanghai Biennale, Shanghai; die 5.Ural-Industrie-Biennale oder jüngst in Diversity United, Tempelhof, Flughafen Berlin; Neue Tretjakow-Galerie, Moskau und Palais de Tokyo, Paris.

Katalog
Zur Ausstellung erscheint eine Publikation, hrsg. von Frédéric Bußmann und Sabine Maria Schmidt, mit Textbeiträgen von Miguel Caballero, Katerina Gregos und Sabine Maria Schmidt, DCV-Books, Berlin, 144 Seiten, dt. und engl., 29 Euro (im Museumsshop).

 

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